Übernachtungsheim St. Christophorus

„Danke“ – dieses Wort fällt oft in dieser Nacht. „Heiko, hast du einen Kugelschreiber?“ – „Gibst du mir bitte meinen Schlüssel?“ – „Ich möchte meine Wäsche waschen.“ Nichts wird als selbstverständlich genommen, der Umgang ist von gegenseitigem Respekt geprägt: „Danke Heiko.“ Damit ist Heiko Mittelstädt gemeint, der seit 14.00 Uhr Dienst hat. Er ist „Mitarbeiter im Empfangsbereich“, wie der Beruf mittlerweile heißt. Doch Heiko ist Pförtner, und dies mit Leib und Seele. Für den gelernten Tischler begann alles vor 20 Jahren mit dem Zivildienst. Den leistete er im Christophorus und nahm danach das Angebot an, weiter dort zu arbeiten. „Kein Tag ist wie der andere“, schildert er seine Begeisterung, „ich habe es hier mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun, mit ihren Sorgen und Problemen, aber auch mit ihrer Freude, wenn mal etwas in ihrem Leben so läuft, wie sie es möchten.“ In seiner langen Berufserfahrung sah er viele Menschen kommen und gehen. Besonders in Erinnerung ist ihm Willi, der fast 17 Jahre bis zu seinem Lebensende im Christophorus wohnte. „Er war so etwas wie ein Maskottchen für uns. Ein kleiner, herzlicher Mann, der mit zunehmendem Alter an Demenz erkrankte“, erzählt er während er einem Bewohner seine Medikamente gibt, die bereits vorbereitet an der Pforte liegen. „Willi konnte sich fürchterlich über Dinge aufregen und im nächsten Moment wieder der nette, freundliche Mensch sein, als den wir ihn kannten“. In diesem Moment steckt Ralf den Kopf zur Tür herein. Er habe zwei Pullover ausgegeben, teilt er Markus mit und gibt ihm den Schlüssel zur Kleiderkammer zurück. Ralf wohnt im Resozialisierungsbereich und hält die Kleiderkammer in Ordnung. Kleider, die gespendet werden, sortiert er und lagert sie ein. Für ihn ist diese Arbeit sehr wichtig. Er nimmt sich Zeit für die Beratung und hat auch Tipps bei der Farbwahl parat. „Ralf entlastet uns sehr, da er sich komplett um die Kleiderkammer kümmert“, berichtet Heiko Mittelstädt, „er will immer beschäftigt sein, und er nimmt seine Arbeit sehr genau. Außerdem macht er die weltbesten Frikadellen“, so Mittelstädt weiter. Ralf wird an diesem Abend noch öfter den Schlüssel holen, um Kleider auszugeben.  Mittlerweile gesellt sich auch Andre dazu. Er hat gerade seinen Müll zum Container gebracht und braucht jetzt eine neue Mülltüte. Der gelernte Gas- Wasserinstallateur hat Pech gehabt. Er wurde arbeitslos, bekam seine Finanzen nicht mehr in den Griff. „Ich war zu stolz um zum Amt zu gehen“, berichtet er“,ich verlor meine Wohnung, konnte eine Weile bei Freunden wohnen“. Als dies nicht mehr ging, kam er ins St. Christophoros und wurde in den Resobereich aufgenommen. „Ich war froh, ein Dach über dem Kopf zu haben und Leute zu finden, die mir helfen mein Leben wieder in den Griff zu bekommen“, schildert er seine Situation. „Ich wäre mit meinen Schulden und den ganzen Behördengängen völlig überfordert gewesen“, so Andre weiter. Heute hat er einen Ein Euro Job im Caritas Warenkorb. Im Resobereich lebt er mit weiteren acht Männern in einer Wohngruppe und versorgt sich selbst. Die Wohngruppe hat eine eigene Küche, einen Gemeinschaftsraum und eigene sanitäre Anlagen. Das hilft ihm, seinen Tag wieder sinnvoll zu gestalten. „Ich konnte mir damals nicht vorstellen, wie schnell man aus der Bahn geworfen werden kann. Das kann jedem passieren, aber dennoch ist mir klar, dass ich einen großen Teil dazu beigetragen habe“, so Andre. Jetzt bereitet er sich auf eine zweite Chance vor. Er hat Kontakt zur Schuldnerberatung und hofft, in absehbarer Zeit wieder eine Arbeit zu finden. Er weiß, dass dies schwierig ist. „Es muss nicht in meinem Beruf sein, ich bin handwerklich begabt und bereit, jede Tätigkeit anzunehmen“. In der Pforte ist mittlerweile Mario Hanke eingetroffen, der Heiko Mittelstädt um 22.00 Uhr ablöst. Bei einem Kaffee besprechen sie die Ereignisse des Tages und was in der Nacht noch anstehen könnte. Da es bisher ruhig war, dauert die Übergabe nicht lange. Auf dem Flur vor der Pförtnerloge dreht sich Heinz eine letztr Zigarette, bevor er zu Bett geht. Dass er bereits 73 Jahre alt ist, sieht man ihm nicht an. Er ist erst eine Nacht hier und kommt gerade aus Frankreich, wo er sich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen hat. „Chapeau!“, so ist das Fazit des in Wien geborenen Obdachlosen über das St. Christophorus. Der gelernte Verlagskaufmann kennt sich aus auf der Straße. Hier beeindruckt ihn die Sauberkeit des Heims. Es sei mit Abstand das beste in dem er bisher war, und er war schon in vielen. Früher hat er junge Komponisten gesucht, ihre Musik vorgestellt und viel Geld verdient. Heute würde man so etwas Promoter nennen. Früher – das war vor 40 Jahren, als ihn eine Krankheit veranlasste, seinen Beruf aufzugeben. Ein Arzt stellte fest, dass er einen Herzinfarkt hatte. Heinz gab das Rauchen und seinen Beruf auf. Das mit dem Rauchen hielt nur drei Jahre. Er begann zu reisen, Geld hatte er ja genug. Italien, Spanien und Portugal. „Ich habe geraucht und getanzt“, so beschreibt er sein Leben zu dieser Zeit. Irgendwann war das Geld aufgebraucht. Da blieb nur noch das Rauchen, und das Leben auf der Straße begann. Er lebte von Gelegenheitsarbeiten in Hotels, im Weinbau oder bei der Apfelernte. „Die erste Zeit war hart. Ich tauschte das Hotelbett mit dem Schlafsack. Ich hatte keine Ahnung, wie man weiterkommt“, schildert er diese Zeit. Er lernte wesentlich jüngere Leute kennen mit wesentlich mehr Erfahrung auf der Straße. Von denen hat er gelernt. Gelernt zu betteln, gelernt jede Arbeit anzunehmen, gelernt sich per Anhalter fortzubewegen. Das Betteln fällt ihm nach all den Jahren immer noch schwer. „Man trifft Leute, die freundlich sind, andere die das Gesicht abwenden. Aber die wenigsten haben den Mut zu fragen ‚warum sitzt du da?‘.“ Er erinnert sich auch an schöne Erlebnisse. „Da war diese Frau, die mich in Frankreich per Autostop von Bourg en Bresse nach Besançon mitnahm. Sie arbeitete im Vertrieb und hatte zwei Aufenthalte während der Fahrt. Gelegenheit, mir zwei schöne Städte anzuschauen“. Städte schaut er sich gerne an, so auch Kaiserslautern. Auf seinem Streifzug kam er am Bau-AG-Gebäude in der Fischerstraße vorbei. „C’est magnifique“, war sein Kommentar dazu. Auf die Frage, was er vermisst, antwortet er: „Ich vermisse das kulturelle Leben, Konzerte, Kino oder Theater. Ich habe aber immer zwei Bücher in meinem Gepäck, das hilft schon.“ Mit einem Augenzwinkern beschreibt er sich als „Clochard de luxe“, der Angst davor hat, mit dem Laufen aufzuhören. „Wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich schon tot“, da ist er sich sicher. Jetzt will er weiter nach Österreich. Wie es dann weitergeht? Heinz zuckt mit den Schultern und meint: „Es gibt immer wieder Sachen, die interessant sind“.

Während Ralf, Andre und Heinz bereits schlafen sitzt Mario Hauke in der Pförtnerloge und ist bereit, um Menschen in Not zu helfen, die nicht wissen, wo sie heute Nacht bleiben sollen. Danke! (pbü)