Nachts im Hotel

 

„Einen schönen guten Abend – das Novotel Kaiserslautern – mein Name ist Miriam Braun.“ Es ist kurz nach ein Uhr nachts, als Miriam Braun das Telefon beim zweiten Läuten abnimmt. Am anderen Ende der Leitung ist eine holländische Familie, die sich noch auf der Autobahn befindet und sich entschlossen hat, doch nicht zu ihrem Urlaubsort durchzufahren. Sie wollen einen Zwischenstopp in Kaiserslautern einlegen, um am Morgen ausgeruht weiterzufahren. Die gelernte Hotelkauffrau arbeitet im Empfang des Hotels und hat seit 22.30 Uhr Nachtdienst. Für sie ist es nicht ungewöhnlich, dass weit nach Mitternacht noch jemand anruft und nach einem Zimmer fragt. „Wir haben 24 Stunden geöffnet und sind 24 Stunden für unsere Gäste da.“
Als ihre Schicht begann, war im Hotel noch mehr Betrieb. Timo Floronesc und der Auszubildende Sascha Bente spülten in der Küche das Geschirr ab, bevor es in die Spülmaschine eingeräumt wurde. Dazu gibt es eigentlich eine eigene Kraft, aber die ist kurzfristig krank geworden, weshalb der Koch selbst mit anpackt. Schließlich muss die Küche am kommenden Tag wieder einsatzbereit sein. Floronesc arbeitet erst seit April in der Hotelküche. Heute Abend waren es 30 Gerichte, die von der Karte bestellt wurden. Seine Leidenschaft aber gilt Banketten, bei denen teilweise bis zu 200 Personen bewirtet werden. „Dann muss in der Küche alles reibungslos Hand in Hand laufen“, berichtet er.“Bei solchen Anlässen arbeiten bis zu drei Köche mit den Auszubildenden zusammen, um die Festgesellschaft zufrieden zu stellen.“ Im Restaurant poliert währenddessen die stellvertretende Restaurantleiterin Alexandra Fuhr das Besteck und die Gläser, während Commis de Rang Rachel Kramer die Tische für die Frühstücksgäste eindeckt. Küche und Restaurant sind bereits geschlossen. Nur die Hotelbar ist noch geöffnet, in der Marco Molter noch zwei Gäste bedient. Die beiden gehören zu einer Gruppe, die an diesem Wochenende ihren Präsenztag der Fernuniversität haben. „Dass Gäste an der Bar sitzen und dem Bartender nach dem dritten Whisky ihr Herz ausschütten, ist ein Klischee aus amerikanischen Krimis, kommt aber so gut wie nie vor“, erzählt Molter. „Gespräche an der Bar drehen sich meist um das aktuelle Tagesgeschehen, über das ein guter Bartender informiert sein muss.“ Die Bar ist  nicht nur für Hotelgäste ein beliebter Treffpunkt. So kommt seit fast dreißig Jahren Karl-Heinz jeden Abend zur gleichen Zeit, trinkt zwei Weizenbier und geht, ebenfalls zur gleichen Zeit, wieder nach Hause, um seine Lieblingsserie im Fernsehen nicht zu verpassen, wie Molter berichtet.

Nachdem er die Bar geschlossen hat, ist nur noch die Rezeption geöffnet. Es ist kurz nach zwei, als der Zeitungsträger wie jeden Morgen zur gleichen Zeit die Rheinpfalz bringt. Bei Miriam Braun laufen die Tagesabschlüsse aus dem Drucker, als die holländische Familie eintrifft, die von Miriam Braun freundlich begrüßt wird. Während die neuen Gäste den Meldeschein ausfüllen, nimmt sie die Kreditkartendaten auf, informiert über die Frühstückszeiten und händigt den Holländern den Zimmerschlüssel aus. Sie liebt ihren Beruf. „Ich habe täglich mit Menschen aus unterschiedlichen Nationen und Kulturen zu tun“, beschreibt sie ihre Tätigkeit. Sie ist ein offener Mensch, der es mag, neue Herausforderungen zu meistern und mit Menschen der unterschiedlichsten Charaktere umzugehen. Diese Eigenschaft ist auch notwendig, ist der Empfang doch die erste Anlaufstelle, falls es doch einmal zu einer Reklamation kommen sollte. So erinnert sich Miriam Braun an einen Kunden, der um 2 Uhr eincheckte und kurz darauf wieder vor ihr stand. „Ob es nicht möglich wäre, ein Zimmer mit Balkon zu bekommen?“ Warum der Gast unbedingt einen Balkon brauchte, obwohl er um 7 Uhr wieder abreiste, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Der Rest der Nacht bleibt ruhig. Um vier Uhr macht sie einen weiteren Rundgang durch das Hotel. Sie kontrolliert, ob alle Fenster und Türen geschlossen und die Notausgänge frei sind. Dabei achtet sie auch darauf, ob alles sauber ist oder ob eine Glühbirne nicht mehr brennt. Dann sammelt sie die Frühstückskarten der Gäste ein, auf denen diese vermerken, ob sie auf dem Zimmer oder im Restaurant frühstücken möchten. Eine Stunde später, als sie ihren letzten Rundgang durch das Hotel macht, bricht bereits die Dämmerung an, und die Straßenlaternen werden ausgeschaltet. Der Bäcker hat gerade die Brötchen geliefert, und in der Küche wird das Frühstücksbuffet vorbereitet. Um 6.15 kommt ihre Kollegin, um sie abzulösen. Während die ersten Gäste bereits beim Frühstück sind, bespricht sie mit ihr die Ereignisse der Nacht. Wieder läutet das Telefon, und ohne dass ihr die acht Stunden Nachtdienst anzumerken sind, meldet sie sich erneut: „Schönen guten Morgen – das Novotel Kaiserslautern – mein Name ist Miriam Braun.“ (pbü)