Notaufnahme

Für einen Freitag ist es sehr ruhig. Fast schon ungewöhnlich ruhig für die Zentrale Notaufnahme des Westpfalzklinikums in Kaiserslautern. Die Ärzte und das Pflegepersonal sind zwar beschäftigt, aber alles ist noch im Rahmen. Normalerweise ist dies der Wochentag, an dem die meisten Patienten kommen. „Der Wartebereich vor der Aufnahme ist oft bis auf den letzten Platz besetzt“, berichtet Michaela Schappert, während sie die Personalien eines neuen Patienten aufnimmt, der sich beim Kochen die Hand verbrüht hat. Die Angestellte ist die erste Anlaufstelle für neue Patienten und muss für ihre Arbeit ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen mitbringen. Nicht jeder Patient versteht, dass die Behandlung nach der Schwere der Erkrankung oder Verletzung erfolgt und nicht nach der Reihenfolge des Eintreffens in der Notaufnahme. In den drei Jahren, die Michaela Schappert jetzt in der Notaufnahme arbeitet, hat sie gelernt, damit umzugehen. Zusammen mit drei weiteren Kolleginnen, die in zwei Schichten arbeiten, sorgt sie dafür, dass die Patienten in Empfang genommen und nach der Erledigung der Formalitäten von den Ärzten behandelt werden. „Viele der Menschen, die zu uns kommen, haben Angst, dass etwas Ernstes vorliegt“, beschreibt Michaela Schappert die Situation in der Aufnahme. „Es ist nicht immer einfach. Manche Patienten sind sehr ungeduldig oder werden ausfallend, wenn sie nach ihrer Meinung zu lange warten müssen. Aber die Mehrzahl, wie auch der junge Mann mit der Brandverletzung, verstehen, dass schwere Verletzungen Vorrang haben.“ Währenddessen kümmert sich Dr. Berthold Germann an einem der 16 Behandlungsplätze um eine ältere Dame, die zuhause ihren Blutdruck gemessen hat. Da er höher war als sonst, ist sie in die Notaufnahme gekommen. Der Facharzt für Innere Medizin arbeitet seit zehn Jahren in der Kaiserslauterer Notaufnahme und ist seit sechs Jahren deren ärztlicher Leiter. Während dieser Zeit hat er schon einiges an akuten Notfällen erlebt, deren Bandbreite von Bagatellfällen wie dem Ausstellen eines Rezeptes bis zu jeder Art von medizinischen Notfällen reicht. „Obwohl der Blutdruck nur erhöht ist, hat die Dame Angst vor einem Schlaganfall. Diese Angst bringt den Blutdruck zusätzlich in die Höhe.“ Insgesamt sei die Zahl der Menschen, die die Notaufnahme in Anspruch nehmen, um fünf bis zehn Prozent gestiegen, berichtet der Arzt. Dies gelte nicht nur für Kaiserslautern, sondern sei ein Trend, der bundesweit zu beobachten sei. Woran das liegt, kann er nicht genau sagen. Möglich sei, dass mehr Menschen alleine wohnen. Leute, die im Familienverband leben, rufen nicht so schnell den Notarzt wie Alleinstehende. Auch die Vereinsamung vor allem älterer Menschen könnte dazu beitragen, dass der Rettungsdienst schneller gerufen wird, und sei es nur, um jemanden zu haben, mit dem man reden kann. Zugenommen haben in letzter Zeit auch die Fälle von Jugendlichen, die besonders am Wochenende mit Alkoholvergiftung eingeliefert werden. „Während es früher bei einer Feier schon einmal passieren konnte, dass einer der Gäste erheblich einen über den Durst getrunken hat, so ist es heute so, dass die Jugendlichen das so genannte Komasaufen vorsätzlich begehen“, so Berthold Germann. Erschreckend sei für ihn, dass diese Patienten zunehmend jünger werden, teilweise zwölf bis 13 Jahre alt. „Auch die Fälle häufen sich, bei denen eine Wohnung aufgebrochen werden muss, um vorwiegend ältere Menschen, die sich in hilflosem Zustand befinden, zur Notaufnahme zu bringen“, so Bertold Germann. „Wir haben durchschnittlich zwei dieser Fälle pro Woche.“ Er würde sich wünschen, dass Nachbarn mehr darauf achten, ob die ältere Dame nebenan ihre Rollläden hochzieht oder die Post aus dem Briefkasten nimmt.

In dieser Nacht ist die Zentrale Notaufnahme mit fünf Ärzten besetzt. Zwei Internisten, zwei Unfallchirurgen und ein Viszeralchirurg kümmern sich um die ankommenden Patienten. Dabei werden sie von fünf Pflegekräften unterstützt. Eine davon ist Roswitha Schäfer. Die 60-Jährige, die mit 18 Jahren ihre Ausbildung zur Krankenschwester begann, arbeitet seit 1995 in der Notaufnahme. Die Pflegekräfte nehmen eine erste Einschätzung vor und informieren dann den zuständigen Arzt. Für Schwester Roswitha steht im Vordergrund, dass sie sich Zeit für den Patienten nehmen kann. „Das steht bei mir an erster Stelle“, erzählt sie. „Wenn jemand in der Nacht zu uns kommt, hat er in der Regel Angst, dass seine Beschwerden eine ernste Ursache haben. Ein gutes Wort oder etwas Aufmunterung hilft dem Patienten etwas zu entspannen“, so Roswitha Schäfer. Deshalb kann sie nur schwer verstehen, wenn Leute kommen, die für eine kleine Schnittwunde lediglich ein Pflaster benötigen. „Das fehlt uns an der Zeit, die wir benötigen, um uns um die wirklichen Notfälle zu kümmern.“ Trotzdem werden auch diese Fälle nicht abgewiesen, betont Berthold Germann. „Es wird niemand weggeschickt, bevor sich nicht ein Arzt ein Bild von den Beschwerden des Patienten gemacht hat“, sagt er und wendet sich wieder seiner Patientin mit dem hohen Blutdruck zu, während sich in der chirurgischen Abteilung der Notaufnahme der Unfallchirurg Thomas Ruffing um einen Patienten kümmert, der vom Rettungsdienst mit Verdacht auf einen Oberschenkelhalsbruch eingeliefert wurde. Während dieser Patient bereits medizinisch versorgt wird, melden ihn die Sanitäter bei Michaela Schappert in der Aufnahme an. (pbü)