Kriminaldauerdienst

Die junge Frau am anderen Ende der Leitung ist aufgeregt. Es ist um 20.45 Uhr der erste Anruf, der bei der Nachtschicht im Kriminaldauerdienst (KDD) eingeht. Udo Wittmann, dessen Dienst um 20.00 Uhr angefangen hat, redet beruhigend auf die Anruferin ein und versucht gleichzeitig, sich einen Eindruck von der Situation zu verschaffen. Die Anruferin sei ungefähr zwei Stunden weg gewesen, und als sie zurückgekommen sei, sei die Wohnungstür aufgebrochen gewesen. Für den 51-jährigen Kriminalhauptkommissar ist es Routine. Er ist Dienstgruppenleiter und arbeitet seit 15 Jahren im KDD. Er kann mit solchen Anrufen umgehen.

Der Kriminaldauerdienst ist die erste zentrale Anlaufstelle für alle kriminalpolizeilichen Belange der Bürger. Von hier aus erfolgt das weitere Vorgehen. Die 13 Beamten des KDD sind in fünf Dienstgruppen zusammengefasst, die in drei Schichten rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr tätig sind. Sie sorgen für die Sicherheit von mehr als 600.000 Einwohnern im Bereich des Polizeipräsidiums Westpfalz. Der KDD ist zuständig für die Stadt Kaiserslautern, die Landkreise Kaiserslautern und Kusel sowie für Teile des Donnersbergkreises und der Verbandsgemeinde Meisenheim. Zu seinen Aufgaben zählen die Aufnahme und die erste Bearbeitung von schwerwiegenden Straftaten, Todesermittlungen, Bränden und Vermisstenanzeigen.

Udo Wittmann holt den Spurensicherungskoffer und macht sich mit seiner Kollegin, Kriminaloberkommissarin Daniela Bullinger, mit der er bis um sechs Uhr am folgenden Morgen Nachtdienst hat, auf den Weg zum Tatort. Die beiden sind nicht auf bestimmte Straftaten spezialisiert, sondern bearbeiten alles, was an schweren Delikten anfällt. Noch während der Fahrt sprechen sich die beiden Kommissare darüber ab, wer welche Aufgabe übernimmt. Daniela Bullinger wird in diesem Fall die Spuren am Tatort sichern, und Udo Wittmann wird die junge Frau befragen. Dieses Mal ist die Anfahrt zum Tatort kurz. Als die Beamten an dem Mehrfamilienhaus in der Mainzer Straße ankommen, wartet die junge Frau vor der Wohnungstür auf sie. Sie macht einen verstörten Eindruck. Udo Wittmann nimmt die Frau beiseite und stellt seine Fragen. Während der Befragung wird die Frau ruhiger. Die Anwesenheit der beiden Beamten gibt ihr Sicherheit. Sie sei zum Essen weg gewesen, berichtet sie. Als sie zurückgekommen sei, sei die Wohnungstür aufgebrochen gewesen. Schränke und Schubladen hätten offen gestanden und waren durchwühlt gewesen. Ob sie sagen könne, was fehle, fragt der Kommissar. Es sei Bargeld und Schmuck gestohlen worden. Während Wittmann seine Befragung fortsetzt, streift sich Daniela Bullinger ein Paar blaue Einweghandschuhe über und beginnt damit, den Tatort zu fotografieren. Am Türschloss sind Aufbruchsspuren zu erkennen, die darauf schließen lassen, welches Einbruchswerkzeug benutzt wurde, um die Tür aufzubrechen. Um auf den Fotos einen exakten Größenvergleich zu haben,  wird die Stelle zusammen mit einem Zollstock fotografiert. Auch die durchwühlten Schubladen und Schränke fotografiert sie. „Einbrecher gehen gezielt vor“, erklärt sie. „Meist werden sie in der Küche fündig, da dort das Haushaltsgeld oft in Behältern wie Dosen oder Schüsseln aufbewahrt wird. Höhere Geldbeträge werden trotz Warnung der kriminalpolizeilichen Beratungsstellen immer noch zwischen der Wäsche im Kleiderschrank versteckt, was natürlich auch die Diebe wissen.“ Am besten sei es, keine größeren Mengen an Bargeld zu Hause aufzubewahren. Sollte es dennoch nötig sein, ist es sinnvoll, diese an ungewöhnlichen Orten zu verstecken, denn je länger der Einbrecher braucht, um seine Beute zu finden, desto größer ist die Chance, dass er aufgibt und die Wohnung wieder verlässt, so Bullinger. Nachdem sie die Einbruchsspuren in der Wohnung fotografiert hat, packt sie die beiden Geldbörsen und die leere Schmuckschachtel in eine Plastiktüte: alltägliche Routine für die Polizistin, die seit drei Jahren beim KDD ist. Für das Opfer dagegen ist ein Wohnungseinbruch ein einmaliges und schreckliches Ereignis. Einer aktuellen bundesweiten Studie des  Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zufolge leidet jedes dritte Opfer unter einem Schock. Mangelndes Sicherheitsgefühl, Schlafstörungen und Angst sind weitere Folgen, die ein Einbruch bei den Opfern auslösen kann. Dies bestätigt auch Udo Wittmann. „Das Eindringen eines Fremden in die eigene Privatsphäre ist oft schlimmer als der materielle Schaden“, erklärt er. Auch in diesem Fall ist das Opfer verstört und möchte nicht in der Wohnung bleiben. Hinzu kommt, dass sich die Wohnungstür nicht mehr schließen lässt. Wittmann ruft deshalb den Hausmeister des Gebäudes an und wartet, bis er kommt, um die Tür zu reparieren. Erst als sichergestellt ist, dass die Wohnung wieder gesichert wird und das Opfer die Nacht bei einer Verwandten verbringen kann, verlässt das Team des KDD den Tatort. Wieder zurück im Polizeipräsidium lädt Daniela Bullinger die Fotos von der Kamera herunter und beschriftet sie. Die Tüten mit den beiden Geldbörsen und das Schmuckkästchen werden ebenfalls beschriftet, während Udo Wittmann beginnt, den Einsatzbericht zu schreiben. Dieser wird an das Fachkommissariat weitergegeben, das die weiteren Ermittlungen in diesem Fall übernimmt. Die Asservate werden vom Erkennungsdienst auf Spuren untersucht, der diese danach ebenfalls an das für Einrüche zuständige Kommissariat weitergibt. Viel Zeit bleibt Udo Wittmann nicht, um seinen Bericht zu schreiben. Kurz vor Mitternacht werden die Kommissare zu einem Einbruch in die Pariser Straße gerufen. Dort wurde in eine Autovermietung eingebrochen. Die Täter stiegen über das Toilettenfenster in die Räume ein, flüchteten aber, nachdem der Alarm ausgelöst worden war, ohne Beute zu machen. Dieses Mal wird Udo Wittmann die Spuren sichern und Daniela Bullinger die Befragung des Mitarbeiters der Autovermietung vornehmen. (pbü)