Nachttankstelle

„Hallo, die Acht“. Es braucht nicht viele Worte, um die Tankrechnung zu begleichen. Die Kundin hat an der Zapfsäule Nummer acht 36 Liter Benzin getankt und möchte diese nun bezahlen. Elvira Quosdorf kassiert den Betrag mit einem Lächeln. Die Augen lachen mit, wenn Elvira Quosdorf lacht. Es ist nicht das professionelle Verkäuferlächeln, sondern ein offenes und ehrliches Lachen. Sie hat dazu auch allen Grund, denn sie mag ihre Arbeit, hat Spaß daran, und das merkt man, wenn sie ihre Kunden bedient. Es ist kurz vor 22.00 Uhr, als Elvira Quosdorf sich im Kassensystem der Total-Tankstelle in der Mainzer Straße anmeldet. Vor ihr liegen jetzt acht Stunden, die sie genießt. Sie mag die Nachtschicht in der Tankstelle, genauso, wie sie das ganze Team mag, mit dem sie zusammenarbeitet. „Am meisten gefällt mir die fast schon familiäre Atmosphäre, nicht nur mit dem Team,  auch mit den Stammkunden“, erzählt sie. Auch heute Nacht werden wieder viele davon den Weg zur Tankstelle finden. Sie werden Zigaretten kaufen, die Zeitung holen oder den Tank ihres Wagens auffüllen. Die Nacht hat erst begonnen. Viele junge Leute kommen, um sich noch schnell mit Getränken und Zigaretten zu versorgen. An den Zapfsäulen ist nicht so viel Betrieb. Ein Großteil der Kunden macht es wie die jungen Leute. Tankstellen haben teilweise die Funktion der früheren Tante-Emma-Läden übernommen. Süßigkeiten, Knabberzeug, Zeitschriften und Autozubehör finden sich hier ebenso wie Shampoo, Zahnbürsten oder Damenbinden. Und auch den Strauß Blumen für die Liebste kann man hier erhalten. Im Hintergrund piepst der Backofen. Elvira Quosdorf kassiert noch bei einem Kunden die Zigaretten und eine Zeitschrift ab, bevor sie die Brötchen aus dem Backofen holt. „Brezeln und Brötchen werden bei uns die ganze Nacht gebacken“, erzählt sie. „Es kommen immer wieder Kunden, die in der Nacht noch eine heiße Wurst mit Brötchen oder eine Brezel verlangen.“ So wie Michael Bohnenstiel. Der 54-jährige Maschinenführer kommt von seiner Spätschicht bei der Firma Freudenberg und legt auf dem Weg nach Hause bei der Tankstelle einen Zwischenstopp ein. Normalerweise fährt er über die Autobahn nach Gondorf bei Winnweiler. Wenn er tanken muss oder wie heute seinen Lottoschein abgeben will, nimmt er den Weg durch die Stadt, um dies in der Total-Tankstelle zu erledigen. Nach acht Stunden Schicht mag er es auch, bei einem Cappuccino und einer Brezel noch etwas von der Arbeit abzuschalten. Von hier aus fährt er dann über die A-63 nach Hause. Gondorf ist einer der Stammkunden, die Elvira Quosdorf schon seit Jahren kennt. Sie erinnert sich noch gut an die Zeit als sie in der Tankstelle begann. Zuerst als Aushilfe, dann als fest angestellte Kraft. Dies ist mittlerweile zehn Jahre her. Damals gab es im benachbarten PRE-Park noch die Diskothek A-6. Die „Kiddies“, wie sie sie nennt, kamen damals vorbei bevor es in die Disco ging. Jahre später, als sie als junge Erwachsene wieder kamen, wurde Elvira Quosdorf schon mit den Worten begrüßt: „Ach Gott, sie sind ja immer noch da.“ In der Tankstelle trifft man alle Arten von Leuten, auch solche, die sie schon lange nicht mehr gesehen hat. So erinnert sie sich an einen alten Bekannten aus ihrer Heimatstadt Dresden, der dort zusammen mit ihrem Bruder zur Schule gegangen war. Er war auf der Durchreise und legte bei Kaiserslautern einen Tankstopp ein, genau zu der Zeit, als Elvira Quosdorf Dienst hatte. Als er seine Rechnung zahlte, erkannte sie ihn und begrüßte ihn mit dem Ausruf: „Mensch, der Thorsten!“ Sie erzählt dies und lacht dabei. „Ich hab´ den schon über 20 Jahre nicht mehr gesehen, und hier, in einer Tankstelle in Kaiserslautern, treffen wir uns wieder.“ Mittlerweile ist die Hälfte ihrer Nachtschicht vorbei. Es wird Zeit für sie, die Croissants in den Backofen zu schieben. Die werden von den Schichtarbeitern gern genommen, die bald kommen, um ihr Frühstück zu holen, bevor sie zum Dienst fahren. Elvira ist immer noch fit, und das lässt sie auch die Kunden, die sie schon länger kennt, merken. „Wenn morgens einer reinkommt, der noch etwas muffelig ist, hilft schon eine freundliche Bemerkung oder ein Witz, um ihn aufzumuntern.“ Während sie dies erzählt, beginnt sie die Brötchen zu belegen und sie in der Auslage ansprechend zu präsentieren. „Die Optik  muss stimmen“, davon ist sie überzeugt. Deshalb ist sie sich auch nicht zu schade, den Verkaufsraum durchzuputzen, wenn es etwas ruhiger ist und sie Zeit dazu hat. Um drei Uhr in der Frühe kommt die Lieferung mit Zeitschriften und Tageszeitungen, die sie dann in das Regal einsortiert. Es sei wichtig, dass die Kunden gleich die Tageszeitung finden, besonders wenn am Abend zuvor die Bundesliga gespielt hat. Die Ergebnisse werden dann noch bei einem schnellen Kaffee kurz diskutiert, bevor die Fahrt zur Frühschicht fortgesetzt wird. Und wenn der Lieblingsverein verloren hat, ist Elvira Quasdorf gefordert, um den Fußballfan aufzumuntern, was ihr dank ihrer Art in den meisten Fällen auch gelingt. „Wenn man nicht mehr lachen kann, dann ist man hier fehl am Platz“, sagt  Elvira Quasdorf und wendet sich dem nächsten Kunden zu, um eine Schachtel Zigaretten zu kassieren. (pbü)