Nachtbus

Der Nachtbus der Linie N4 fährt am Gelterswoog vorbei. Der letzte Fahrgast ist vier Minuten zuvor in Hohenecken ausgestiegen, und Andreas Schendel fährt den Rest der Tour leer nach Bann. Es ist noch nicht einmal eine halbe Stunde her, als Schendel den Mercedes Bus vom Betriebshof der Stadtwerke in der Stiftswaldstraße zur Haltestelle am Rathaus gefahren hat. Dort warteten bereits 15 Fahrgäste auf ihn, die zügig in den Bus einsteigen sobald sich die Tür mit einem Zischen der Hydraulik geöffnet hatte. Es wird nicht viel geredet. Man bezahlt, setzt sich auf seinen Platz und wartet auf die Abfahrt. Kneipengänger, Party People, Konzertbesucher oder einfach Leute, die den Nachtbus als normalen Linienbus benutzen, um nach Hause zu kommen, so wie Sabrina Mollen und Chris Proß. Die beiden hatten an diesem Samstag Freunde in Bad Kreuznach besucht. Es wurde etwas später als geplant, bis sie in Kaiserslautern ankamen. Tagsüber benutzen sie oft die Buslinien der Stadtwerke, um in die Innenstadt zu gelangen. Heute fahren sie zum ersten Mal mit dem Nachtbus auf den Bännjerrück. Sie halten dies für einen guten Service. „Es ist auch angenehmer als am Tag“, stellt Sabrina Mollen fest. „Der Bus ist nicht so voll, und es ist nicht so hektisch.“ Kurz vor der Haltestelle in der Merseburger Straße drücken sie das Signal, welches dem Fahrer anzeigt, dass Fahrgäste an der nächsten Haltestelle aussteigen wollen. Andreas Schendel fährt die Haltestelle an, und ein paar Minuten später sind die beiden zuhause. Die restlichen Passagiere schauen aus dem Fenster, hängen ihren Gedanken nach oder hören Musik mit ihrem Smartphone, während der Bus weiter fährt. Nach und nach steigen sie an verschiedenen Haltestellen aus, bis der Bus in Hohenecken leer ist. Schendel biegt hinter dem Gelterswoog in Richtung Queidersbach ab. Die Landstraße ist leer, nur selten begegnet ihm ein Auto. Dennoch ist er hochkonzentriert. „Auf dieser Strecke begegnet man häufig Wild“, erzählt er. „Da muss man höllisch aufpassen.“ Er hatte in den zwei Jahren, seit denen er für die Stadtwerke fährt, noch keinen Wildunfall. Käme es dazu, würde er über Funk die Verkehrsleitstelle im Betriebshof verständigen, die rund um die Uhr das ganze Jahr besetzt ist. Heute Nacht hat Werner Schönborn Dienst. Seit 22 Uhr trägt er die Verantwortung für den Busverkehr in der Barbarossastadt. Der 55-jährige Verkehrsmeister steht in ständigem Funkkontakt mit den Busfahrern. Mit seinen mehr als 30 Berufsjahren ist er ein Urgestein bei den Verkehrsbetrieben. „In der Leitstelle muss man in der Lage sein eine außergewöhnliche Situation schnell einzuschätzen und dann seine Entscheidung treffen“, beschreibt er den Dienst. Als Verkehrsmeister bildet er die neuen Busfahrer aus und ist für die Personal- und Fahrzeugdisposition zuständig. Besonders wichtig ist der Kontakt zu den anderen Leitstellen in der Stadt, der hervorragend funktioniert, wie Schönborn betont. Bleibt einmal ein Bus liegen und bildet in einer engen Straße ein Verkehrshindernis, so informiert der Verkehrsmeister umgehend die Rettungsleitstelle. Diese kann bei einem Notfall diese Straße von den Einsatzfahrzeugen umfahren lassen, um nicht in einem Stau stecken zu bleiben. Umgekehrt wird die Verkehrsleitstelle der Stadtwerke genauso schnell über Verkehrsbehinderungen informiert. Sollte einmal ein Fahrer ausfallen oder ein Bus der Verkehrsbetriebe liegen bleiben, so ist auch in der Nacht ein Ersatzfahrer verfügbar. Wenn alle Stricke reißen, muss der Chef auch einmal selbst ran, um den Betrieb aufrecht zu erhalten, so wie dies vor vier Jahren geschehen ist: „Es war während der Faschingszeit“, erinnert sich Schönborn, „als der Nachtbus in Bann wegen einer Baustelle einen Umweg fahren musste. In dieser Nacht waren die Straßen spiegelglatt, der Bus kam an der Kirche ins Rutschen und touchierte ein geparktes Fahrzeug.“ Neben der Kirche befindet sich ein Gemeindesaal, in dem in dieser Nacht eine Faschingsveranstaltung stattfand. Da kein Ersatzfahrer mehr verfügbar war, musste Schönborn selbst mit dem Abschleppwagen zur Unfallstelle. Aber wer sollte die Leitstelle übernehmen? Kurzerhand rief Schönborn seinen Chef an und schilderte ihm die Situation. Es dauerte nicht lange, und der Betriebsleiter saß am Mikrophon in der Leitstelle, während Schönborn mit dem Abschleppwagen auf dem Weg nach Bann war. Als er an der Unfallstelle ankam, wollte er sich bei seinem Kollegen dafür entschuldigen, dass es etwas länger gedauert hatte. Dazu kam er aber nicht, den dieser begrüßte ihn, umrahmt von einer Narrenschar, die den Unfall wohl als willkommene Bereicherung der Fasenachtsveranstaltung angesehen hatte. „Mach dir keine Gedanken“, sagte sein Kollege lachend, „ich bin hier gut mit Speisen und Getränken versorgt worden.“ Dass die Nacht viele merkwürdige Geschichten zu bieten hat, kann auch Myzdat Raifovski bestätigen, der in dieser Nacht ebenfalls in der Leitstelle Dienst tut. Er fährt seit drei Jahren bei den Verkehrsbetrieben. „Es begegnen uns schon einige skurrile Typen auf den Nachtbuslinien“. So erinnert er sich an zwei Fahrgäste, die dem Alkohol schon reichlich zugesprochen hatten und am Rathaus einsteigen wollten. Während der erste den Fahrpreis für beide bezahlte, stand sein Kumpel hinter ihm im Einstieg und hielt krampfhaft die Hände hinter dem Rücken. Raifovski kam dies merkwürdig vor, und er fragte warum er die Hände hinter dem Rücken verstecke. Zögernd holte der Zecher einen Barhocker hinter seinem Rücken hervor. „Den habe er vom Wirt geschenkt bekommen“, so seine Erklärung. Andreas Schendel hat mittlerweile die Endstation in der Waldstraße in Bann erreicht. Er dreht den Bus und fährt zurück an das Rathaus in Kaiserslautern, um pünktlich um 1.15 Uhr seine zweite Tour in dieser Nacht zu starten. (pbü)