Nachtschicht im Seniorenheim

Früher hatte die Wollkappe die Frisur der alten Dame vor Regen und Schnee geschützt. Früher, als sie vielleicht zum Bäcker ging, um Brötchen zu holen, oder als sie an der Haltestelle auf den Bus wartete. Die alte Dame erinnert sich an sie, sie ist ihr vertraut. Sie kennt das Grau der Kappe, das in ein leichtes Blau übergeht. Auch die Krempe und die Form, die an ein Schiffchen erinnert, ist ein bekanntes Bild aus einer anderen Zeit. Und genau wie damals schützt sie die Kappe heute noch. Sie hilft ihr, das Zimmer wiederzufinden, das nun das neue Zuhause der alten Dame ist. Neben der Zimmertür ist die Kappe an einem Geländer angebunden. Und dort, wo die Kappe hängt, da wohnt die alte Dame jetzt. Silke Keller braucht die Kappe nicht. Sie weiß, wer hier wohnt. Leise zieht sie die Tür wieder zu, nachdem sie sich davon überzeugt hat, dass alles in Ordnung ist. Die Altenpflegerin ist auf ihrem ersten Rundgang durch das Kursana Seniorenheim. Es ist kurz nach 22 Uhr. Zusammen mit ihrem Kollegen Björn Fernandes schaut sie in jedes Zimmer. Die alte Dame mit der Wollkappe schläft schon, doch viele Bewohner sind noch wach. Der erste Kontrollgang in dieser Nacht nimmt die meiste Zeit in Anspruch. Es werden die verordneten Medikamente gegeben, bei einigen Bewohnern muss der Blutzucker kontrolliert und das notwendige Insulin  gespritzt werden. Auch Verbände werden noch gewechselt. Bevor sich die beiden Pfleger zu ihrem ersten von drei Rundgängen in dieser Nacht aufgemacht haben, wurde noch der Wagen aufgefüllt, auf dem alle notwendigen Utensilien vorhanden sind, die eventuell gebraucht werden. Einlagen, Bettwäsche, Reinigungstücher, Desinfektions- und Pflegemittel sind ebenso vorhanden wie Flaschen mit Mineralwasser und Trinkgefäße. Auch einige Joghurtbecher sind dabei. Silke Keller und Björn Fernandes befinden sich auf der Station „Schwanenweiher“. Die beim Personal kurz „Schwan“ genannte Station ist das Zuhause der Demenzpatienten oder die Station der „HausUNordnung“, wie ein Schild die Hausordnung bezeichnet. Hier hängen Bilder auch einmal schief an der Wand, denn die Bewohner fassen die Bilder eben gerne an. Auch die Schränke sind nicht akkurat aufgeräumt, denn die. Bewohner räumen gerne. Das haben sie schließlich ein ganzes Leben lang getan. Dass an der Tür des älteren Herrn eine Haustürklingel angeschraubt ist, ist ebenfalls völlig normal. Er mag es halt nicht, wenn man an die Tür klopft. Die beiden Pflegefachkräfte haben ihren Rundgang auf dieser Station beendet und begeben sich ein Stockwerk höher in den Vogel. Gemeint ist die Station Vogelwoog, die wie alle vier Ebenen des Hauses nach Gewässern in Kaiserslautern benannt ist. Einer nimmt die Treppe und einer fährt mit dem Wagen im Fahrstuhl. Gemeinsam fahren beide nie im Fahrstuhl, denn der könnte stecken bleiben, und wer kümmert sich dann um die Bewohner?

Auf der nächsten Ebene angekommen, hört Silke Keller hinter der Tür von Anita Vogel das Fernsehgerät. Sie klopft an und schließt dann die Tür auf. Anita Vogel hegt im Gegensatz zu den meisten anderen Bewohnern den Wunsch, dass ihre Tür verschlossen ist. Sieht man Anita Vogel, würde man nicht darauf kommen, dass sie bereits 73 Jahre alt ist. Sie legt sehr viel Wert auf ihr Äußeres. Selbst um diese Zeit sitzt die moderne Kurzhaarfrisur perfekt. In ihrem orangefarbenen Hausanzug aus Plüsch, der so schön warm hält, hat sie es sich in ihrem Sessel bequem gemacht und schaut fern. 20 Jahre habe sie alleine gelebt und sei vor fast einem Jahr in das Kursana gezogen, erzählt sie.  Die Erfahrung, dass man ihr das Alter nicht ansieht, hat sie hier an ihrem ersten Tag auch gemacht. Als sie in den Gemeinschaftsraum zum Kaffeetrinken ging, bekamen alle Kuchen – nur Anita Vogel nicht. Auf ihre Frage, ob sie nicht auch ein Stück Kuchen haben könne, wurde ihr geantwortet: „Gerne, aber wir geben den Kuchen zuerst an unsere Bewohner und dann an die Angehörigen aus.“  Sie fühlt sich wohl hier und hat auch eine Freundin gefunden, mit der sie zweimal in der Woche zum Singen geht. Die Beiden spielen auch gerne einmal eine Partie Rummy-Cub zusammen. Ein Spiel, ähnlich dem Kartenspiel Rommé, das mit Zahlenplättchen gespielt wird. Bevor Silke Keller ihren Rundgang fortsetzt, unterhält sie sich noch etwas mit Anita Vogel. „Dies ist mit ein Grund, warum ich seit fünf Jahren nur in der Nachtschicht arbeite“, erklärt Keller. „In der Nacht hat man mehr Zeit für die Bewohner.“ Dies ist ihr wichtig. In ihrem Sprachgebrauch wird das Wort Empathie mit Großbuchstaben geschrieben. Sich in den anderen einzufühlen, ein offenes Ohr für seine Probleme und Wünsche zu haben oder einfach einmal nur zuhören, das macht für sie den Beruf des Altenpflegers zu einem großen Teil aus. Auf dem Weg zum nächsten Bewohner läutet das Telefon, das Silke Keller ständig bei sich trägt. Ein Bewohner hat den Klingelknopf in seinem Zimmer gedrückt. Wie bei einer Gegensprechanlage ist die Pflegefachkraft nun mit ihm verbunden. „Es sind die unterschiedlichsten Gründe, welche die Bewohner dazu veranlassen, zur Klingel zu greifen“, erzählt sie. Die Frage, wie spät es ist, komme genauso vor wie der Wunsch, zur Toilette zu gehen. Auch passiere es, dass beim Licht Einschalten nur der falsche Knopf gedrückt wurde. „Aber wenn das Telefon läutet und wir keine Antwort bekommen, dann ist Eile geboten“, schildert Björn Fernandes diese Situation. „Wir vermuten dann sofort einen Notfall und begeben uns direkt zu dem Bewohner, um im Ernstfall alle notwendigen Maßnahmen einzuleiten.“

Es kann auch vorkommen, dass ein Bewohner während der Nacht stirbt.

Der erste Todesfall habe ihr fast die Füße weggeschlagen, erinnert sich Silke Keller. „Mit der Zeit akzeptiert man jedoch, dass der Tod ein Bestandteil des Berufes ist“, so Silke Keller weiter. „Aber es darf nie zur Routine werden“, betont sie. Und dieses „Nie“ ist in Ihrem Wortschatz ebenfalls mit Großbuchstaben geschrieben. Silke Keller hat für sich ein Ritual entwickelt, das ihr hilft, mit dieser Situation umzugehen. Findet sie einen Bewohner leblos in seinem Zimmer vor, prüft sie zuerst die Vitalfunktionen. Dann hält sie einen Moment inne und spricht in Gedanken noch einmal mit ihm, bevor sie ins Dienstzimmer geht, um den Bereitschaftsarzt zu informieren. Wichtig ist es ihr, danach das Zimmer herzurichten, damit die Familie ungestört Abschied nehmen kann.

Dennoch ist Silke Keller ein lebensfroher Mensch. Vielleicht hat dazu auch ein Satz ihres Vaters beigetragen, den dieser zu ihr sagte als sie mit ihrer Berufsausbildung begann. „Altenpflege ist eine Gratwanderung. Du gehst kaputt, wenn du alles zu nah an dich heranlässt. Aber du darfst Dich auch nicht zu weit entfernen, sonst kannst du nicht mehr richtig pflegen.“ Und deshalb findet Silke Keller die Klingel an einer Zimmertür genauso normal, wie eine Wollmütze, die den Weg nach Hause zeigt. (pbü)